Crowdsourcing in der Buchbranche

Crowdsourcing und Crowdfunding sind ein interessanter Trend zum gemeinschaftlichen Erstellen und Finanzieren von Projekten im Internet, dessen Auswirkungen und Chancen seit kurzem auch in der Buchbranche diskutiert werden. Ende Mai fand zu diesem Thema in Berlin ein vom Börsenverein des deutschen Buchhandels und BaseCamp veranstaltete Nachfolgeveranstaltung zum Buchcamp im Frankfurt statt.
 
Crowdsourcing bezeichnet stark vereinfacht das gemeinschaftliche Erstellen von Inhalten ohne Bezahlung, Crowdfunding stellt eine spezielle Form davon dar, bei der die Beteiligten nicht Inhalte, sondern Geld für die Entwicklung eines Projektes beitragen. Während lange das Internet für seine “Umsonstkultur” verschrien war, stellen neuerdings Bezahlplattformen wie flattr unter Beweis, dass viele Nutzer durchaus bereit sind, für Inhalte zu bezahlen und sich an sinnvollen Projekten – inhaltlich, aber auch finanziell – zu beteiligen. Dies schließt zum einen die Beteiligung an Buchprojekten in Form von Bewertungen und Rezensionen in Communities ein, wie bei neobooks, einem vom Droemer Knaur Verlag entwickelten Auffangbecken für unverlangt eingesandte Manuskripte, wie auch die Finanzierung eines Buchprojektes durch Vorab-Finanzierung andererseits. Dieses Subskriptionsmodell, das in der Buchbranche schon seit Jahrhunderten praktiziert wird, wurde gerade von der Internetplattform euryclia erfolgreich online umgesetzt. Das von Bloggern und im Internet aktiven Journalisten verfasste Buch ‘Universalcode. Journalismus im digitalen Zeitalter’, wurde auf der Plattform zur Subskription angeboten. Dabei übernehmen die Autoren selbst einen Großteil der traditionellen Verlagsarbeit, wie Lektorat und vor allem das Marketing und versprechen sich im Gegenzug mehr Einflussmöglichkeiten und einen höheren Anteil am Verkaufspreis. Zudem kann durch die Unterstützer-Werbung im Vorfeld der Publikation das Zielpublikum stärker an der Entstehung des Werkes beteiligt und an das Projekt gebunden werden. Immerhin mehr als 700 Unterstützer konnten auf diese Weise für den Titel gewonnen werden. Das Subskriptionsmodell ist in der klassischen Verlagsarbeit nur noch äußerst selten und überwiegend bei besonders hochwertigen und prestigeträchtigen Projekten wie Werkausgaben anzutreffen. Es wird interessant zu beobachten sein, inwiefern sich dieses Geschäftsmodell online tatsächlich nachhaltig erfolgreich betreiben lässt – denn auf den Vertriebswegen des klassischen Buchhandels verdienen viele Beteiligte mit. Andererseits ist ‘Universalcode’ ein Titel, der vom Thema und den Autoren her wie geschaffen ist für das erfolgreiche Online-Marketing. 18 Autoren, viele davon bekannte BloggerInnen und Twitterer, online sehr gut vernetzt, bilden eine optimale Voraussetzung für das Gelingen des Projektes. Ich bin gespannt, ob sich diese Konstellation wiederholen lässt.
 
Open-Source-Kultur
 
Ein anderes erfolgreiches Crowdfunding-Projekt aus dem Bereich Musik möchte ich noch kurz vortellen: Der Webentwickler Robert Douglass und die Konzertpianistin Kimiko Ishizaka suchten über das Kickstarter-Portal, eine Funding-Plattform für kreative Projekte, nach Unterstützern für Ihr Open-Goldberg-Projekt. Ausgangspunkt war die Überlegung, dass Musikwerke wie Bachs Goldberg-Variationen zum kulturellen Erbe gehören und somit für alle verfügbar sein sollten. Allerdings gibt es davon keine urheberrechtsfreie Einspielung und keine lizenzfreien Notenblätter. Daher suchten sie Unterstützer, die es möglich machen, das Stück in einer hochwertigen Studioaufnahme einzuspielen und die Noten zu setzen, die zukünftig unter einer Creative-Commons-Zero-Lizenz allen Interessierten ohne Einschränkung zur privaten wie auch kommerziellen Nutzung zur Verfügung stehen soll. Ziel war, 15.000 Dollar dafür zu generieren, am Ende fanden sich über 400 Unterstützer, die insgesamt über 23.000 Dollar zusagten (im Durschschnitt $ 56/ca. 38 €). Wie bei Open-Source-Software wird also auch hier durch eine gemeinschaftliche Anstrengung etwas geschaffen, das der Allgemeinheit im Anschluss kostenfrei zur Verfügung steht. Ein symphatisches, unerstützenswertes Modell.
 
 
Weitere Berichte zur Buchcamp-Veranstaltung:

http://www.udldigital.de/die-crowd-im-nacken-das-buchcamp-zu-gast-im-base_camp/

http://www.kohlibri-blog.de/2011/05/sourcrowdsourcing/

http://www.e-book-news.de/der-leser-hat-das-wort-crowdsourcing-in-der-verlagsbranche/

http://www.litaffin.de/veranstaltungen/buchcamp-berlin-visionen-zulassen-oder-wie-sexy-ist-ein-ebook-reader/

 
Zum Open-Goldberg-Projekt:

http://www.opengoldbergvariations.org/

http://www.kickstarter.com/projects/293573191/open-goldberg-variations-setting-bach-free

Aktualisiert am 6. Juni 2011