Nachlese: Buchmesse Leipzig

„E-Books – ein Jahr nach dem Hype“ war der Titel einer Podiumsdiskussion zu Beginn der Buchmesse in Leipzig, der zugleich die vorherrschende Stimmung auf der Messe gut beschrieb. Die in den letzen zwei Jahren zwischen digitaler Euphorie und Kulturpessimismus oszillierenden Erwartungen der Buchbranche angesichts der Internets und der Digitalisierung sind nüchterner Analyse und Pragmatismus gewichen. Erste Zahlen, die vereinzelt vorgelegt werden, zeigen nach genauer Betrachtung, dass der Markt in Deutschland wohl noch einige Zeit ein Nischendasein fristen wird. Dabei gilt es natürlich auch dabei zu differenzieren. Deutlich wird, dass insbesondere der internationale Markt für Fachbücher bereits jetzt einen sehr großen Anteil seines Umsatzes digital erwirtschaftet.

Bereits zur Frankfurter Buchmesse im Oktober verkündete Andrew Savikas von O’Reilly, dass der Verlag schon mehr Exemplare eines Titels für iPhones als gedruckt absetze. Auch in Leipzig bestätigte Dagmar Laging (Vice President Sales Springer Science+Business Media) den Trend zum Digitalen im Fachbuchbereich. Springer erwirtschaftet nach ihrer Auskunft bereits über 40 % des Umsatzes mit Büchern auf digitalem Weg, hauptsächlich durch den Verlauf von Paketen an institutionelle Kunden. Während der englischsprachige Fachbuch-Weltmarkt ein riesiges Potential für E-Books bereithält, sieht es im Bereich der deutschsprachigen Belletristik derzeit ganz anders aus. Die von Random House veröffentlichte Zahl von 100.000 verkauften E-Books ist bei genauerer Betrachtung eher ernüchternd. Denn anders als Die Zeit schreibt, wurden diese nicht im Jahr 2009, sondern insgesamt, also vom Jahr 2000 bis Anfang 2010 verkauft. Und betrachtet man die von Random House verkündeten Startauflagen, die auch bei anspruchsvolleren Hardcover-Titeln bei 50.000 Exemplaren liegen können, wird der Anteil der verkauften E-Books eher im Promillebereich zu suchen sein. Dennoch gab sich Frank Sambeth (Chief Operating Officer, Verlagsgruppe Ramdom House) optimistisch. Die meisten der 100.000 E-Books habe man im Verlauf des letzten Jahres, also nach dem Martkstart der E-Book-Lesegeräte wie dem Kindle, verkauft. Er erwarte eine ähnliche Entwicklung wie sie in den letzten Jahren in den USA stattgefunden hat und prognostizierte den Anfang eines exponentiellen Wachstums, das schon in zwei Jahren bis zu 4 % des Umsatzes erreichen könne.

Naturgemäß anders und eher kulturpessimistisch blickten die beiden anderen Gesprächsteilnehmer, Rainer Groothius (Groothuis, Lohfert, Consorten) und Gregor Dotzauer (Tagesspiegel), auf die zu erwartende Entwicklung. Dabei war es Groothuis nicht um das Gestalten „schöner“ Bücher bange, da er 90 % der Neuerscheinungen schon heute als „nicht schön“ betrachte und darin keine weitgehende Veränderung erwarte. Vielmehr beklagte Groothuis das Verschwinden der kleinen Buchhändler und ihrer „Zuwendungskompetenz“ und den damit einhergehenden Verlust kultureller Werte. Dotzauer stimmte in das Lamento ein und fragte, wo in Zukunft die Beratungskompetenz des Feuilletons denn zu finden sei, wenn alles ins Internet abwandere. Etwa in Communities, so seine rhetorische Frage.

Durchaus, so konnte man im weiteren Verlauf der Messe den Eindruck gewinnen, denn viele Verlage setzen verstärkt auf das Marketing in Social Networks und Communities. Begleitet von Veranstaltungen wie der BuchSW-Konferenz vor einigen Wochen, wagen sich immer mehr Verlage in das direkte Gespräch mit ihren Kunden via Twitter, Facebook und Co. und versuchen, vor allem jüngere Zielgruppen, die über Buchhandlungen nur noch schwer zu erreichen sind, im Internet für Ihre Titel zu interessieren. Es wäre ja wünschenswert, wenn das gelänge und der Kontakt junger Leserinnen und Leser mit der Verlagsbranche sich nicht auf das Durchschleusen von Schulklassen durch die Hallen der Leipziger Buchmesse beschränkt.

Aktualisiert am 22. März 2010