Verlage und Internet: ein Testfall

Das Internet wird von vielen Verlagen nicht als Chance, sondern als Konkurrenz betrachtet. Überschriften, wie “Ausverkauf der Inhalte” zeugen von der Angst, das traditionelle Geschäftsmodell “Inhalt gegen Geld” zu verlieren. Dabei machen gerade die Zeitungsverlage vor, dass freie, aber werbefinanzierte Inhalte im Internet erfolgversprechender sind als konventionelle Verkaufsmodelle. Unter dem Druck der direkten Konkurrenz im Internet sucht z. B. Meyers Lexikon sein Heil in der Offensive. Von diesem Beispiel können auch andere Verlage lernen, wie sie zukünftig im Internet agieren könnten. Denn anders als das “Geben (Inhalte) und Nehmen (Geld)” des Buchhandels gilt im Internet eher die Maxime “Partizipieren und Profitieren”. Denn das Internet ist ein soziales Medium, in dem User sich vernetzen und sich auf vielfältige Weise selbst einbringen möchten. Profitieren können dabei alle, die Nutzer und diejenigen, die die Plattformen bereitstellen.

Neben sozialen Netzwerken (siehe auch unseren Artikel über Social Bookmarking) sind Wikis ein Paradebeispiel für ‘user generated content’, der typisch ist für Webanwendungen des “Web 2.0″. Wikis sind Websites, die von einer Vielzahl von Nutzern gemeinsam aufgebaut werden, meist Wissenssammlungen wie Lexika, Gebrauchsanweisungen o. ä. Dazu gehört z. B. eine der gefragtesten Seiten im Internet, die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Die dahinter stehende Idee ist so einfach wie überzeugend und entspricht einem Kerngedanken des Internet, freien Zugang zu Wissen zu ermöglichen. Wissen, das von allen Nutzern geteilt wird – jeder trägt auf seinem Wissensgebiet etwas bei und profitiert vom Wissen anderer. Mittlerweile haben sich Wikis auf vielen Gebieten etabliert, meist als kollektiv erstellte Nachschlagewerke zu Sachthemen, wie etwa das Apfelwiki zu Hard-, Software und Zubehör für Apple-Produkte oder das Pynchon-Wiki zum literarischen Kosmos des Kultautors.

Dass auch Verlage sich am Wiki-Boom beteiligen, zeigt das Beispiel von Meyers Lexikon Online. Unter dem Druck des Erfolges von Wikipedia hat sich auch das Lexikon aus dem Hause Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, das auch den renommierten ‘Brockhaus’ verlegt, der Nutzerbeteiligung geöffnet. Angemeldete Besucher können Vorschläge für Themen einreichen, seit kurzem auch Texte eingeben und verändern, sowie in eigenen Diskussionsforen kontroverse Themen diskutieren. Als Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz fungiert eine Redaktion (mit der geballten Kompetenz des renommierten Lexikonverlages), die alle vorgenommenen Einträge begutachtet und freigibt. Daher gibt es von jedem Artikel eine “offizielle”, geprüfte und eine bearbeitbare Variante. Dazu das Diskussionsforum und die Historie, die die Entstehung des Artikels nachverfolgen lässt.
Zur Finanzierung des Ganzen gibt es auf den Seiten Werbung, Google-Anzeigen und natürlich Werbung für die hauseigenen Lexika.

Mit der redaktionellen Prüfung von Artikeln reagiert Meyer auf ein Problem der Wikipedia, wo insbesondere politische (z. B. Politikerbiografien) und historische (z. B. Türkei/Armenien) Themen häufig von Interessensgruppen manipuliert werden. Zwar funktioniert die kollektive Redaktion im Großen und Ganzen sehr gut, Änderungen können nachverfolgt und binnen Sekunden wieder rückgängig gemacht werden. Dennoch wurde Wikipedia immer wieder zum Schauplatz von Auseinandersetzungen rivalisierender Gruppen und Meinungen. Aber auch Wikipedia hat daraus Konsequenzen gezogen. Mit der Einführung des Wikiscanners können Manipulationen anhand der IP-Adressen des Rechners, von dem aus sie durchgeführt wurden, aufgedeckt und ihre Urheber benannt werden. Das förderte nicht nur international Interessantes zutage. Auch vom hessischen Landesverband wurden Einträge über den politischen Konkurrenten manipuliert. (Schuld war natürlich nur ein übereifriger Praktikant … )

Jetzt hat auch die deutsche Wikipedia ein redaktionelles Prüfsystem in einer Testphase eingeführt. Demnach sollen “erfahrene Autoren” (SZ) Artikel als frei von Falschaussagen kennzeichnen. Das soll die Zuverlässigkeit des Online-Lexikons erhöhen und den teilweise angekratzten Ruf der Wikipedia aufpolieren. Die Entwicklung dieser beiden Projekte bleibt weiter interessant zu beobachten. Denn hier wird sich zeigen, wie bereits auf der AKEP-Tagung diskutiert wurde, ob die Verlage in der Lage sind, ihre “Kernkompetenz”, das Aufspüren und Filtern von guten Texten und Inhalten, und ihr damit erworbenes Renommee auch im Internet zur Geltung zu bringen und letzten Endes auch Gewinn bringend einzusetzen. Gelingt das nicht, wird es den Verlagen in Zukunft immer schwerer fallen, ihre Zielgruppen überhaupt zu erreichen.

Aktualisiert am 28. September 2007